Vielleicht kennen Sie das: Die Tage werden kürzer und plötzlich fühlen Sie sich müder. Sie schlafen anders, sind weniger belastbar oder haben das Gefühl, Ihren Zyklus, Ihre Stimmung oder Wechseljahresbeschwerden stärker wahrzunehmen.
Und vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt: Spielen dabei eigentlich auch unsere Hormone eine Rolle?
Die kurze Antwort lautet: möglicherweise – aber nicht so einfach, wie es manchmal dargestellt wird.
Unser Körper lebt nicht unabhängig von seiner Umwelt. Licht, Schlaf, Bewegung, Ernährung, Stress und unsere innere Uhr beeinflussen zahlreiche körperliche Prozesse. Gleichzeitig sollten wir nicht jede Veränderung im Herbst oder Winter vorschnell mit einem vermeintlichen „Hormonungleichgewicht“ erklären.
Gerade in meiner Sprechstunde finde ich es wichtig, genauer hinzusehen.
Verändern die Jahreszeiten tatsächlich unsere Hormone?
Der menschliche Körper besitzt eine innere Uhr. Einer ihrer wichtigsten Taktgeber ist das Tageslicht. Verändert sich die Dauer und Intensität des Lichts, kann sich unter anderem unser Schlaf-Wach-Rhythmus verändern.
Interessanterweise gibt es auch Untersuchungen, die saisonale Unterschiede bei der weiblichen Fortpflanzungsfunktion gefunden haben. Eine Studie untersuchte beispielsweise Frauen über verschiedene Jahreszeiten und fand Hinweise auf eine höhere ovarielle Aktivität im Sommer. Auch große Datenauswertungen von Menstruationszyklen zeigen saisonale Veränderungen bestimmter Zyklusparameter.
Das bedeutet aber nicht, dass jede Frau im Herbst oder Winter automatisch ein hormonelles Ungleichgewicht entwickelt.
Die wissenschaftlichen Daten zeigen vielmehr, wie komplex das Zusammenspiel von Licht, Lebensweise, Stoffwechsel und Hormonsystem ist.
Schlaf ist dabei ein wichtiger Faktor
Besonders deutlich wird diese Verbindung rund um die Wechseljahre.
Viele Frauen berichten in dieser Lebensphase von Einschlafproblemen, häufigem Erwachen oder dem Gefühl, morgens trotz ausreichender Zeit im Bett nicht erholt zu sein. Hitzewallungen und nächtliche Schweißausbrüche können den Schlaf zusätzlich beeinträchtigen.
Aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zeigen, dass Schlafprobleme zu den häufigen und belastenden Beschwerden während der Menopause gehören. Gleichzeitig ist die Ursache nicht auf einen einzelnen Hormonwert reduzierbar. Wechseljahresstatus, vasomotorische Beschwerden, Veränderungen der Reproduktionshormone sowie psychische und soziale Faktoren können zusammenspielen.
Wenn im Herbst und Winter weniger Tageslicht hinzukommt und sich Tagesrhythmus oder Aktivität verändern, kann das deshalb gerade in dieser Lebensphase stärker wahrgenommen werden.
Und welche Rolle spielt Vitamin D?
Vitamin D wird häufig genannt, sobald es um Hormone und die dunklere Jahreszeit geht.
Tatsächlich ist das Thema für die Frauengesundheit interessant. Vitamin-D-Rezeptoren finden sich unter anderem in Eierstöcken, Gebärmutter und weiteren Strukturen, die an der Regulation der weiblichen Reproduktionsphysiologie beteiligt sind. Forschung beschäftigt sich daher intensiv mit möglichen Zusammenhängen zwischen Vitamin-D-Status und verschiedenen Bereichen der reproduktiven Gesundheit.
Aber auch hier gilt:
Aus einem Zusammenhang wird nicht automatisch eine Therapie.
Vitamin D sollte deshalb nicht als einfache Antwort auf Müdigkeit, Zyklusbeschwerden oder Wechseljahressymptome verstanden werden. Ob eine Bestimmung oder gegebenenfalls eine Supplementierung sinnvoll ist, sollte individuell betrachtet werden.
„Meine Hormone spielen verrückt“ – oder steckt etwas anderes dahinter?
Diesen Satz höre ich sinngemäß immer wieder.
Und ich verstehe gut, warum Frauen ihre Beschwerden mit ihren Hormonen in Verbindung bringen. Hormone können einen erheblichen Einfluss darauf haben, wie wir uns fühlen.
Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick.
Müdigkeit, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Zyklusveränderungen oder ein Nachlassen der Leistungsfähigkeit können viele unterschiedliche Ursachen haben. Je nach Alter und Lebensphase können beispielsweise Zyklusveränderungen, die Perimenopause oder Menopause eine Rolle spielen. Aber auch Schlaf, Stress, Ernährung, körperliche Aktivität oder andere medizinische Ursachen gehören in die Betrachtung.
Deshalb geht es für mich nicht darum, möglichst schnell einen einzelnen Wert zu bestimmen.
Es geht darum, die Frau als Ganzes und ihre aktuelle Lebensphase zu verstehen.
Wann sollten Sie genauer hinschauen?
Nicht jede Veränderung benötigt sofort eine umfangreiche Diagnostik. Wenn Beschwerden jedoch neu auftreten, deutlich stärker werden, länger anhalten oder Ihre Lebensqualität beeinträchtigen, sollten wir darüber sprechen.
Das gilt beispielsweise bei ausgeprägten Veränderungen des Zyklus, anhaltenden Schlafproblemen, starken Wechseljahresbeschwerden oder ungewöhnlicher Erschöpfung.
Welche Untersuchung sinnvoll ist, hängt von Ihren Beschwerden, Ihrem Alter, Ihrer Vorgeschichte und Ihrer aktuellen Lebenssituation ab.
Mein Rat für die dunklere Jahreszeit
Beobachten Sie Ihren Körper – aber machen Sie nicht jedes Symptom sofort zu einem Hormonproblem.
Fragen Sie sich stattdessen:
- Hat sich mein Schlaf verändert?
- Bekomme ich ausreichend Tageslicht?
- Bewege ich mich anders als im Sommer?
- Hat sich mein Zyklus verändert?
- Bin ich gerade stärker belastet?
- Treten Beschwerden wiederholt oder unabhängig von der Jahreszeit auf?
Manchmal liegt die Erklärung tatsächlich in hormonellen Veränderungen. Manchmal an ganz anderer Stelle. Und häufig ist es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Genau dieses Zusammenspiel herauszufinden, ist für mich moderne Frauengesundheit.
Wenn Sie Veränderungen an sich bemerken und unsicher sind, ob diese noch zu Ihrer aktuellen Lebensphase passen, sprechen Sie uns gerne darauf an. Gemeinsam können wir überlegen, ob eine weitere Abklärung sinnvoll ist und welche nächsten Schritte zu Ihnen passen.


